Süchtig

Ich bin regelrecht süchtig nach jedem neuen Programm von der Band „Club der toten Dichter“. Es ist immer wieder spannend für mich, wie sie Texte von toten Dichtern neu beleben. Bei ihren Konzerten im Güstrower Theater war ich stets auf Wolke sieben.  Nach Heine, Rilke, Busch und Bukowski gab es nun einen Abend mit vertonten Fontane Gedichten. Die Band wurde von vielen Fans aus ganz Mecklenburg und von noch weiter weg mit stürmischem Applaus begrüßt.

Was im Scheinwerferlicht an der Bühnendecke wie Kronleuchter aussah, entpuppte sich beim genaueren Hinsehen als im Kreis angeordnete Handstöcke. Das passte zum Wandersmann Fontane, dachte ich. Und dass Reinhardt Repke, Gründer der Band, Frontmann und einer, der immer auf unendlich vielen Gitarren spielt, diesmal die Akkordeonistin Cathrin Pfeifer angeheuert hatte, war auch ein Volltreffer. Welch eine Klangfarbenpracht entlockte sie dem Instrument. Ein Wiedersehen gab es für mich mit dem großartigen Bassisten Markus Runzheimer. Der spielt so verinnerlicht, dass es aussieht als verbeuge er sich tief vor seinem Instrument. Und wie froh war ich, dass nach dem Rilke Konzert wieder Katharina Frank dabei war. Wer Rilke verstehen will, der muss den Panther von ihr hören. Und wenn sie Texte von Fontane mit Haut und Haaren singt, erfasst man die Worte des Dichters ganz neu.

„Noch da, John Maynard“, sang Katharina Frank. Ja, habe ich gedacht. Und wie er da war, ganz anders als zu meinen Schultagen. Da musste ich diese Ballade nämlich auswendig lernen.  Noch schlimmer war, wenn ich nach vorne musste, um sie aufzusagen. Vor Angst vor aller Augen stecken zu bleiben und vom Wunsch getrieben, es endlich hinter mich zu bringen, habe ich die elend lange Ballade im D-Zug Tempo runtergerattert. Da war kein Platz, um zu fühlen, was der Dichter uns hat sagen wollen.

Im Güstrower Theater hatte nicht nur ich nach John Maynard Tränen in den Augen. Fontanes Texte haben an diesem Abend mein Herz berührt. Sie werden noch lange in meinem Ohr sein, mich trösten oder ermuntern, weil sie so genial vertont wurden.

„Wat den eenen sin Uhl, is den annern sin Nachtigal“, heißt es bei mir im Norden. Und deshalb finde ich es gut, dass Reinhardt Repke vor 12 Jahren Liebeskummer hatte und deshalb zu Heines Worten „Ich hab im Traum geweinet“ eine Melodie erfand. So fing es an mit seinen Vertonungen. Und ich bin schon ganz süchtig zu erfahren, welchen Dichter er sich als nächstes vornimmt. Hoffentlich muss ich nicht zu lange auf ein neues Konzert warten, sonst bekomme ich Entzugserscheinungen.

September 2019

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