Aufgegangen

Irgendwann wird man ihn aus Mangel an Beweisen freisprechen müssen. Aber noch ist die Zahl derjenigen groß, die ihn beschuldigen, dass er, wenn er voll ist, ihnen den Schlaf raubt.   Früher hat man dem Mond noch mehr angelastet und behauptet er würde die Menschen aggressiv machen und sie in den Wahnsinn treiben. Im Englischen wurden Wahnsinnige über mehrere Jahrhunderte lunatic genannt.

Mir hat der Mond nie etwas getan. Schon als Kind war er für mich eine liebenswürdige Erscheinung. Die Japaner entdecken einen Hasen ihn ihm und die Westafrikaner ein Krokodil. Ich sehe noch heute stets das Gesicht eines alten weisen Mannes, der spanisch mit mir spricht. Seinen Mund hat er so geformt, als würde er mir ein Olè als Nachtgruß zuflüstern.

Goethe meinte sogar, dass er die Seele lösen könnte. Herder schrieb ihm zu, dass er alles aufhellt, was Nacht ist. Für Grillparzer ist er ein Tröster, für Glaßbrenner eine Liebessonne –  und für Kloppstock ein Gedankenfreund.

Mir geht das Herz auf, wenn er am Himmel erscheint oder im Abendlied von Matthias Claudius.

Der Mond ist aufgegangen

Die goldenen Sternlein prangen

Am Himmel hell und klar

Der Wald steht schwarz und schweiget

Und aus den Wiesen steiget

Der weiße Nebel wunderbar.

Meine Großmutter kannte alle sieben Strophen und hat mir das Abendlied oft vorgesungen. Und ich kann mich auch noch gut erinnern, wie beeindruckt wir als Schulkinder waren, als wir erfuhren, dass der Mond für Ebbe und Flut  sorgt. Später, während meiner Studentenzeit,  – hat mir ein älterer Student in feuchtfröhlicher Runde erklärt, dass nicht der Mond Verursacher der Gezeiten ist, sondern Menschen aus der nordwestlichsten Region der Bundesrepublik.

„Als vor langer Zeit die Ostfriesen an die Küste kamen“, sagte er, „hat sich das Meer so erschreckt, dass es davongelaufen ist. Nun kommt es alle zwölf Stunden wieder, um nachzusehen, ob sie noch da sind.“

Witze über Ostfriesen kannte man auch in der DDR. Nach der Wende sind sie aber abgeebbt. Nun gibt es eine Flut von Mondkalendern.  Mein Handeln mag ich nicht nach den wechselnden Lichtgestalten des Mondes richten, aber meine Augen mit Vergnügen.

Und ich gebe zu, dass ich manchmal schon große Lust verspüre besonders nervige Menschen auf den Mond zu schießen. Ich weiß auch schon an welchem Tag. Und zwar am 27. Juli. Da ist nämlich eine totale Mondfinsternis. Wenn das möglich wäre, dann bliebe ich einmal genau 103 Minuten vor ihnen verschont.

Juli 2018

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