Die Kunst des Schenkens

„Die Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele“, hat Picasso gesagt. Wie sehr das auch auf die Kunst des Schenkens zutrifft, habe ich als Kind gelernt. Meine Großmutter machte wunderbare Geschenke, die nie teuer waren. Sie hatte kein eigenes Einkommen. Am Ende des Geldes war bei ihr immer noch viel Monat übrig. Aber ihre Geschenke brachten meine Seele zum Leuchten. Das Briefpapier, was ich zu Weihnachten von ihr bekam, hielt jahrelang, weil ich es nur für ganz besondere Anlässe benutzte. Oft kaufte sie gleich nach Weihnachten wieder für Weihnachten ein. Wer damals etwas Schönes für seine Lieben entdeckte, musste gleich zuschlagen, weil es kurz danach, wie die Verkäuferinnen zu sagen pflegten, schon wieder „aus“ war. Manchmal vergaß Großmutter jedoch, wo sie im Laufe des Jahres die Weihnachtsgeschenke abgelegt hatte.

Zu ihren Lieben gehörten nicht nur ihre Familie, sondern auch ihr Briefträger, ihr Arzt und ihre Nachbarin. Der Briefträger bekam kurz vor Heiligabend, neben dem frisch aufgebrühten Kaffee noch eine Zigarre spendiert. Wenn er sich die jedoch in der Küche angezündet hätte, wäre Großmutter ausgeflippt. Die Nachbarin bekam einen Kalender mit motivierenden Gedanken für jeden Tag. Sie nahm das eingepackte Geschenk sofort an sich und sagte: „Sie sollen mir doch nichts schenken. Ich habe doch alles.“ Das war gelogen. Jeder im Dorf wusste, dass sie keinen Mann hatte, aber unbedingt einen wollte. Großmutter hoffte, dass die flotten Gedanken diese griesgrämige Frau in eine begehrliche verwandelten.

Der Arzt von Großmutter bekam übrigens niemals Schokolade. Denn jeder Arzt jammert im Stillen im Dezember: „Wohin mit der ganzen Schokolade?“ Die meisten Pateinten, die Zulieferer, fragen sich das nie. Großmutter schenkte ihrem Arzt eine Flasche Hustensaft, in der zwar kein Hustensaft mehr war, sondern eine Abfüllung von ihrem berühmten Rumtopf. Die Geschenke meiner Großmutter waren genial. Sie machte sie nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern manchmal einfach nur so.

Immer wenn Großmutters Sparschwein nicht mehr klötterte bekam es eins mit dem Hammer auf den Kopf. Mit viel Kleingeld und großer Einkaufstasche fuhr Großmutter nach Stralsund. Voll bepackt mit Dingen, die man eigentlich nicht braucht, aber die Herzen erfreuen, kehrte sie zurück. Heute nennt man das Shoppingtour. Meine Mutter behauptete, dass ihre Schwiegermutter ihr ganzes Geld verschätterte. Hat Großmutter aber nicht. Es war schließlich nur das Hartgeld von ihrem mühsam gemästeten Sparschwein. Davon kaufte sie kleine Geschenke für all ihre Lieben und auch immer ein Geschenk für sich.

Die Prophezeiung meiner Mutter, dass ich nach der Oma geraten könnte, ging in Erfüllung. Auch ich verschenke gerne mal eine Winzigkeit außerhalb der Weihnachtszeit, einfach nur so. Eine tolerante Freundin von mir bekam kürzlich eine Karte mit der Aufschrift „Kinder, Besoffene und Leggins sagen die Wahrheit.“ Sie freute sich ein Loch in ihren doch etwas größer gewordenen Bauch. Und weil mich eine Schwäche von mir wurmt, die ich endlich weglächeln möchte, habe ich mir auch eine Karte geschenkt. Auf der steht „Wenn man bedenkt, wie oft ich im Leben bereits falsch abgebogen bin, ist es ein Wunder, dass ich überhaupt noch auf diesem Planeten bin.“

(Kolumne für die Zeitschrift DELUXE, Mecklenburg – Schwerin)

Dezember 2019

Ein Gedanke zu „Die Kunst des Schenkens

  1. Hallo Frau Dr. Clemens,
    die Kolumne gefällt mir sehr gut. Herzlichen Glückwunsch zu diesem gelungenen Text!
    Mit besten Grüßen
    Kurt Friedrich

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