Regen spüren, auch wenn kein Tropfen fällt

Als ich am 24. September im Güstrower Theater in der zweiten Reihe saß, muss ich ziemlich blöd ausgesehen haben. Mendelson hat nämlich festgestellt, dass man in den Momenten stärkster geistiger Anspannung nicht geistreich aussieht, sondern schafsdumm.

Ich war an diesem Abend voller Anspannung, weil ich den Auftritt der Band „Club der toten Dichter“ kaum erwarten konnte. Der Chef, Reinhardt Repke, hat nach Heine, Busch, Rilke und Schiller nun auch Bukowski vertont.

Ich war neugierig auf die Auswahl der Texte. Bukowski war ein Vielschreiber und bekennender Trinker. „Natürlich können Drogen die künstlerische Arbeit befeuern“, meint Udo Lindenberg. Aber er glaubt auch, dass Bukowski, wie auch Goethe, Freud und etliche andere eine Regel befolgten. Sie lautet: im Rausch geschrieben, nüchtern gegenlesen.

Nicht nur ich war von Bukowskis sensiblen, direkten und melancholischen Texten und ihrer Vertonung tief beeindruckt. Im Theater spürt man sehr gut, ob das Feuer der Begeisterung nur vereinzelt oder im ganzen Saal lodert. Der Saal war voll mit Menschen aller Altersgruppen. Da waren außer den Fans vom „Club der toten Dichter“ auch die ständig ins Theater gehenden Güstrower, dann Besucher, die auf Ungewohntes erpicht sind, einige Bukowski-Kenner und etliche, die noch nie etwas von ihm gelesen hatten. Allen wurde ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

Dem „Club der toten Dichter“ gelingt es immer wieder, den Worten von Dichtern einen Klang zu verleihen, der die Herzen bewegt. Und das tun sie mit einer unbändigen Freude. Reinhardt Repke, der die Band vor 10 Jahren gründete, vertont genial. Alles, was er zu seinen Gitarren und zum Banjo singt, klingt wie ein Liebeslied. Könnte er auch das Telefonbuch vertonen? Ja gewiss. Doch der Mann braucht Texte, die Gewicht haben. Und er hat ein gutes Gespür bei der Auswahl seiner Gastsänger. Diesmal sollte es ein Schauspieler sein. Und die Wahl fiel auf Peter Lohmeyer. Tim Lorenz am Schlagzeug trommelt gekonnt mit scheinbarer Lässigkeit und sichtbarem Vergnügen. Markus Runzheimer am Bass kann sich wie ein Halm im Wind biegen. Das ist kein Showeffekt. Wenn einer so tief drin steckt in der Musik, dann kommt er auch so tief runter. Andreas Sperling an den Keyboards. Ein Mann, der nicht zu altern scheint und mit Inbrunst, Seligkeit  und Freude spielt. Und dann der Lohmeyer. Der kann Worte schmettern und ihnen die Kraft einer Arie verleihen. Wenn der von Bukowskis Regen singt, von der himmlischen Brühe, dann spürt man sie, auch wenn kein einziger Tropfen fällt.

Mich hat das vom Hocker gehauen. Aber das ging mir nicht alleine so. Die Konzertbesucher im Güstrower Theater erhoben sich nach etlichen Zugaben frenetisch klatschend von ihren Plätzen.

Spät abends habe ich nicht mehr blöd, sondern sehr zufrieden ausgesehen, ein Bierchen getrunken, meinen Blick nach oben gerichtet und Bukowski zugeflüstert: „Hast Recht gehabt. Das  Gedicht, der einsame Favorit auf der Zielgerade, hat das Rennen gemacht.“

Oktober 2016

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