Lebensverlängerung

Ich muss nicht in die Ferne schweifen. In meinem Land liegt das Gute so nah. Deshalb habe ich mich nach Mestlin aufgemacht. Wegen der vielen Storchennester nennt man es immer noch das Storchendorf. Zu DDR-Zeiten war es das einzig realisierte sozialistische Musterdorf. Das Kulturhaus, Mitte der 50er Jahre im neoklassizistischen Baustil errichtet, existiert noch.

Dank des Vereins „Denkmal Kultur Mestlin“ gibt es dort immer wieder interessante Ausstellungen. In diesem Sommer präsentiert der ehemalige Politiker André Brie Gemälde, Lithografien, Zeichnungen, Grafiken und Statuen. Es sind Arbeiten bekannter Künstler, die André Brie von ihnen geschenkt bekam oder erworben hat. Die Kunstsammlung von Brie hat mich sehr beeindruckt und auch die in der Ausstellung angebrachten kurzen Geschichten, in denen er erzählt, was ihn mit diesen Künstlern verbindet.

Im oberen Teil des Kulturhauses,  in dem die Kunstsammlung gezeigt wurde, hörte ich plötzlich aus einem Zimmer ein musikalisches Klappern, das mich an meine Jugend erinnerte.  Die Tür zum Zimmer war weit geöffnet. Dort entdeckte ich an einem Schreibtisch einen Mann, der vor seiner „Gabrielle“ saß. Wir kamen sofort ins Gespräch und er zu einer Arbeitspause.  Der junge Mann heißt Frank Osthoff, kommt aus Köln und hat Wurzeln in Mecklenburg. Sein Großvater lebte in Wendisch Waren  Mit seinem Projekt „TippStelle“ ist Frank Osthoff in verschiedenen öffentlichen und nicht öffentlichen Räumen in Mecklenburg, Köln und Düsseldorf unterwegs. Orte, Räume und Kommunikation lassen neue Texte entstehen.

Mich faszinierte das Schriftbild seiner Gabrielle. Die Buchstaben  meiner „Erika“, auf der ich früher meine ersten Texte geschrieben habe, waren nicht so elegant. Frank Osthoff  beherrscht das Zehnfingerschreibsystem perfekt. Ich praktizierte damals das Zweifingersuchsystem.

An den Wänden in der „TippStelle“ von Frank Osthoff erblickte ich viele Sprachspiele,  die mich zum Schmunzeln brachten. Im Foyer des Kulturhauses kaufte ich mir eins von seinen kleinen Büchern.

Dort fand ich den Text

Fernöstlicher Verdruss

In Japan lebt ein alter Mann

auf einem Berg aus Marzipan,

was ihn verdrießt, da man

mit Stäbchen es nicht

essen kann.

Frank Osthoff wird demnächst Post von mir bekommen.

Seine Anschrift: tippstelle@biskuitrollerückwärts.de

Seine Texte haben mich zum Lachen gebracht. Dafür muss ich mich bedanken, denn in einem chinesischen Sprichwort heißt es

„Jede Minute, die du lachst,  verlängert dein Leben um eine Stunde.“

August 2018

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