Schön, schöner, am schönsten

Dieser Mai war wärmer als warm. Er war der heißeste den ich je erlebt habe. Das ist nicht gelogen, denn zuletzt war es in Deutschland im Mai so warm, als Bismarck die Rentenversicherung eingeführt hat. Das war 1889 und ist somit 129 Jahre her.

Der Mai 2018 hat mich fertig gemacht, denn kaum hatte der Frühling zaghaft durch die Tür geschaut, überrollten mich tropische Temperaturen. Ich mag keine Affenhitze. Meine Wohlfühltemperatur liegt bei 23 Grad. Wenn ich ins Auto gestiegen bin, herrschten dort gefühlte 80 Grad. Aber im Gegensatz zur Sauna hatte ich im Auto bedeutend mehr an.


Meine Wohnung wurde auch immer mehr zu einem Brutkasten. Wenn ich meinen Abwasch gemacht habe, war das Geschirr zwar im Nu trocken, aber ich überhaupt nicht mehr. Noch nie habe ich so viel geschwitzt, ohne mich kaum zu bewegen. Am liebsten hätte ich mich in den Kühlschrank gelegt, aber der war voll. Bei so einer Hitze vergeht einem das Essen. Ich habe literweise lauwarmen Tee getrunken und mich wie ein Fass ohne Boden gefüllt. Wenn ich mal nicht zur Toilette unterwegs war, habe ich meine Füße in eine Schale mit eisigkaltem Wasser getaucht. Und ich habe festgestellt, dass bei Bullenhitze Wilhelm Buschs Worte nicht mehr wahr sind. Er hat nämlich gesagt: „Kalte Füße sind lästig, besonders die eigenen.“

Im heißen Mai habe ich die Zunge raus hängen lassen und gehechelt. Wenn Hunde das tun erhöht sich ihre Atemfrequenz von zirka 30 auf 300 bis 400 Atemzüge pro Minute und sie führen so die Wärme ab. Unsereins hyperventiliert, wenn er zu schnell hechelt.


Und unsereins hat leider auch keine Elefantenohren. Die könnte man bei Bullenhitze gut gebrauchen. Meine Ohren sind übrigens erstaunlich groß. Früher waren sie mir ein Dorn im Auge. In jeder Schulhofpause pustete mich einer von den Jungs von hinten an und rief: „Gleich segelt sie davon.“ Aber zum Wedeln, wie es die Elefanten tun, um die angestaute Wärme los zu werden, reicht das Ausmaß meiner Ohren leider nicht.


An Tagen, die wärmer als warm sind, werden die Stunden länger als lang. Ich konnte den Abend kaum erwarten und habe die lauwarme Nacht auf meinem Balkon innig herbei gesehnt. Und um Mitternacht habe ich zum Himmel gebetet: „Herr, es wäre nicht nur schön, sondern am schönsten, wenn du uns so einen heißen Mai in den nächsten 129 Jahren ersparst, und wenn dir das nicht möglich ist, dann gib wenigstens allen berufstätigen Menschen in solchen Zeiten Hitzefrei.“

Mai 2018

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