Online-Kolumne

September 2017

Lachen steigert die Verkaufszahlen

„Das Paradies der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, in der Gesundheit des Leibes und am Busen des Weibes.“
Diese Worte von Friedrich Martin von Bodenstedt mögen ja auch heute noch für so manchen zutreffen. Für mich befindet sich das Paradies hier bei mir in Mecklenburg. Und das auch wegen der vielen märchenhaften Schlösser. Dreimal lang hingeschlagen, in welche Himmelsrichtung auch immer, und schon hat man ein Schloss vor der Nase.
Im September, kurz nach meinem Geburtstag, bin ich im Schloss Kaarz aufgeschlagen. 1994 ist es „auferstanden aus Ruinen“. Das sind Worte aus der Nationalhymne der DDR, die seit 1973 nur noch gesummt und nicht mehr gesungen werden durfte, weil es in der Hymne auch hieß „Deutschland einig Vaterland“. Und als das Land endlich wieder einig war, haben die Alteigentümer das marode und ausgeschlachtete Gebäude meistbietend zurückgekauft, restauriert und zu einem Hotel umgebaut. Eingerichtet wurde es nicht prunk- sondern liebevoll. Ich fühlte mich schon beim Gang über die Schwelle heimisch. Die üppigen Arrangements von Kunstblumen störten mich nicht. Geniale Täuschungen haben mich schon immer fasziniert. Und auch die Fürsorge im Haus begeisterte mich. Gummistiefel standen bereit, damit man trockenen Fußes durch den Park kommt. Der ist nämlich fast so groß wie 10 Fußballfelder. Die Mammutbäume sind auch gewaltig. Wenn man allein ist, kann man sie leider nicht umarmen. Als ich das Schloss besuchte, hatte man den Rasen gerade frisch gemäht. Er wirkte so schier und glatt wie das Männerkinn aus der Fernsehwerbung, bei der zum Ende immer der absurde Spruch „Für das Beste im Mann“ ertönt.
Weil es ausnahmsweise mal nicht regnete, setzte ich mich auf die Terrasse, bestellte mir Kaffee und Kuchen und holte mein Geburtstagsgeschenk aus der Tasche.
Was nach ein paar Minuten geschah, hatte ich bereits erwartet. Es bewegten sich 80 von meinen Muskeln, meine Nasenlöcher weiteten sich, die Luft schoss mit 100km/h durch meine Lungen, mein Blutdruck sank, meine Eingeweide wurden massiert und mein Zwerchfell vibrierte. So etwas passiert, wenn man lachen muss. Und auch bei dem neuesten Buch von Wladimir Kaminer konnte ich es wieder so kräftig, wie bei allen vorherigen. 20 Sekunden Lachen ist so, als wenn man drei Minuten schnell rudert. Ich habe aus dem Buch „Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger“ zwar nur eine Geschichte gelesen, aber ich habe lange gerudert. Mit tränenden Augen habe ich die Rechnung bezahlt, nicht wegen des Preises, sondern wegen Kaminer. Das Paar, das auf der oberen Terrasse saß, winkte mir zum Abschied zu. Die Frau rief mir hinterher denn sie wollte den Autor und den Titel dieses köstlichen Buches wissen.
Und falls demnächst jemand Wladimir Kaminer trifft, dann sollte man ihm berichten, dass die Verkaufszahlen seines Buches allein schon durch Vorlachen zu steigern sind.


August 2017

Schweigen im Wartezimmer

„Der Tag ist 24 Stunden lang, aber unterschiedlich breit“, hat Wolfgang Neuss gesagt. Besonders breit ist er für mich in Wartezimmern von Arztpraxen. Man trifft dort ja selten Bekannte, mit denen man sich die Zeit durch ein Gespräch verkürzen kann. Wie soll man dort mit wildfremden Menschen ins Gespräch kommen? Man kann ja schlecht fragen: „Geht es Ihnen auch nicht gut?“ Wer keine Löcher ins Handy oder in die Luft starren will, greift zu den betagten Frauenzeitschriften. Das tun sogar Männer in Arztpraxen. Die Hoffnung, dass ein Sudoku oder ein Kreuzworträtsel noch nicht ausgefüllt ist, erfüllt sich in gut frequentierten Praxen nie. Aber in einer der abgegriffenen Frauenzeitschriften machte ich jetzt auf der letzten Seite eine erstaunliche Entdeckung. Da war ein Gedicht von Rilke abgedruckt. Es beginnt mit den Zeilen „Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten aus deinem Haar vergessenen Sonnenschein …“ Das ist Wortmusik in meinen Ohren. Ich habe in diesem Augenblick auch an Jogi Löw denken müssen. Der kann nämlich etwas, was ich nicht kann. Er kann Rilke auswendig. Als sich Löw 2016, nach einem Europameisterschafts-Spiel wieder einmal von einem Journalisten anhören musste, dass das letzte Tor doch zu vermeiden gewesen wäre, hat er grandios reagiert. Der Bundestrainer hat das Gedicht „Der Ball“ von Rilke zitiert.
Die Fangemeinde von Rilke ist groß. Ob Helmut Kohl auch dazu gehörte, bezweifele ich, obwohl er im eisigkalten April 1989 Rilkes Grab in Raron besucht hat. Ich denke, weil Kohl dachte, das gehört sich so, wenn man in der Schweiz auf Staatsbesuch ist. Kohl war Fan vom Pfälzer Saumagen. Wenn er auch von Rilke geschwärmt hätte, wäre uns das sicher nicht verborgen geblieben.
Die Seite mit dem Gedicht von Rilke aus der Frauenzeitschrift in der Arztpraxis habe ich übrigens rausgerissen. Wäre sie in einem Buch gewesen, hätte ich das nie getan. Aber betagte Zeitschriften werden irgendwann entsorgt. Durch mein Tun habe ich eins von Rilkes Gedichten vor der Versenkung in der blauen Tonne bewahrt.
Unauffällig konnte ich die Seite nicht entfernen. Das Ritsch und Ratsch wurde mit strafenden Blicken kommentiert. Schade, dass sich niemand aufgeregt hat. Dann wäre doch noch ein Gespräch entstanden. Ich hätte mich gerne gerechtfertigt und gebettelt: „Ach, gönnen Sie mir doch dieses Gedicht von einem großartigen Dichter für meine Pinnwand. Lassen Sie mich doch bitte seine Worte nach Hause tragen. Lady Gaga trägt Rilkes Worte sogar auf der Haut. Wussten Sie das?“
Die herausgerissene Seite habe ich zusammengefaltet und vor aller Augen in meine Handtasche gesteckt. Im Wartezimmer blieb es bis zu meinem Aufruf so wie im Wanderers Nachtlied von Gothe. Es herrschte Schweigen im Walde.


Juli 2017

Lust und Frust bei der Partnersuche

Vor vierzig Jahren habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Ich war ganz allein im Saal, als ich ihn jetzt wieder traf. Das hatte ich nicht erwartet. Aber in meiner Kleinstadt geht vorwiegend die Jugend ins Kino und der Schauspieler Pierre Richard sagt den jungen Leuten nichts. Sie waren noch meilenweit von ihrer Geburt entfernt, als Anfang der siebziger Jahre der Film „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ lief.
Ich habe den Film damals gesehen. Eine wunderbare Parodie über Geheimdienste. In „Monsieur Pierre geht online“, seinem neuesten Film, wird das Kennenlernen in Dating-Portalen parodiert. Der achtzigjährige Monsieur verguckt sich in die 31-jährige Flora und gibt sich als ebenso alter Sinologe aus. Die beiden chatten ganz verliebt und wie verrückt. Damit der Schwindel nicht auffliegt, überzeugt Pierre mit Geld und der Mitleidstour einen jungen Mann ihn beim ersten Treffen zu vertreten. Dass der junge Mann Freund seiner Enkelin ist und sich in Flora verliebt, ahnt er nicht. Der Schluss des Films ist schön kitschig. Es ist halt leichte, aber dennoch lustige Kost aus Frankreich.
Dem Journalisten Peter Praschl blieb jedoch das Lachen im Halse stecken. „Zwei Männer tun sich zusammen, um eine Frau zu belügen und zu betrügen, bis sie liebestoll und sexuell zugänglich wird“, schrieb er in der „Welt“. Für ihn ist der Film keine Komödie. Für mich schon, weil eine schlechte Sitte lächerlich gemacht wird.
Dass in Dating-Portalen und Kontaktanzeigen gelogen und betrogen wird, ist hinlänglich bekannt. Auf diese schlechte Sitte kann man entweder mit weinendem oder lachendem Auge sehen. Letzteres ist mir lieber.
Männer sind beim Schummeln übrigens eifriger als Frauen. Sie stellen sich gern größer dar, als sie es sind. Frauen machen sich oft um einige Kilos leichter. Glaubt man den Männern, die in Anzeigen ihr Interesse an Kunst, Kultur und Natur bekunden, dann müsste man sie in Scharen in Theatern, Kinos, an der Ostsee und im Wald treffen.
Dass reale Kontaktanzeigen so lustig sein können, wie die Filme mit Pierre Richard, hat mir das Buch „Suche Frau in anständigem Zustand“ von Birgit Adam gezeigt. Sie präsentiert die witzigsten Kontaktanzeigen der Welt.
Eine davon lautet:
„Rentner, Nichtraucher, Nichttrinker sucht alleinstehende gesunde Frau mit Haus und Ölheizung. Er möchte Kaninchen halten.“

Juni 2017

Zwei Minuten

Heute schreibe ich nicht was mir in zwei Minuten, sondern zu zwei Minuten eingefallen ist. Und das ist eine Menge. Ich fange mit der Zwei Minuten-Regel an. Damit habe ich meine Aufschieberitis richtig gut in den Griff bekommen. Die Regel besagt nämlich, dass man alle Aufgaben, die weniger als zwei Minuten dauern, sofort erledigen soll. Ich staune immer noch, was sich in 120 Sekunden alles erledigen lässt.
In genau dieser Zeit kann übrigens ein Bekannter von mir die lauwarmen Flaschenbiere, die seine Gäste zur Grillparty mitbringen, kühlen. Er bedeckt die Flaschen mit Eiswürfeln, streut Kochsalz darüber. Zack, nach zwei Minuten ist das Bier kalt.
Leider nicht dabei war ich, als der Hamburger Fotograf Paul Ripke Prominente nach ihrem Interview bei Reinhold Beckmann fotografierte. Versprochen hatte er dem Fernsehmoderator, dass er dafür nicht mehr und nicht weniger als zwei Minuten braucht. Wie großartig die Bilder nach so einer kurzen Fotosession geworden sind, konnte ich in dem Fotoband „Zwei Minuten Zufall“ sehen.
Beeindruckt hat mich auch Barbara Schöneberger mit ihrem Song „Zwei Minuten“. Da listet sie 19 Dinge auf, die zwei Minuten dauern. Nun weiß ich, dass man zwei Minuten ohne Knöllchen mitten in Berlin parken und in zwei Minuten ein Origami- Einhorn falten kann, wenn man weiß, wie es geht. Im Refrain ihres Liedes heißt es „Zwei Minuten sind nicht wenig und nicht viel.“
Wie relativ Zeit sein kann, hat Albert Einstein genial erklärt. Zwei Stunden mit einem netten Menschen erscheinen uns wie eine Minute. Aber eine Minute mit dem Hintern auf einem heißen Herd kommen einem wie zwei Stunden vor, meinte er.
Die längsten zwei Minuten meines Lebens habe ich im Film „Psycho“ von Alfred Hitchcock erlebt. So lang dauert die Duschszene, an deren Ende eine Frau von Messerstichen durchbohrt tot am Boden liegt. Das zu sehen, hat mir das Duschen hinter einem Vorhang bis in alle Ewigkeit vermasselt. Und das, obwohl ich weiß, dass in dieser Szene nicht einmal Kunstblut, sondern Schokoladensirup floss.
In Hotels, in denen es Duschen mit Vorhang gibt, dusche ich stets weniger als zwei Minuten. Zum Glück geht es mir nicht so wie einst einem jungen Mädchen. Ihr Vater hatte wütend an Hitchcock geschrieben, dass seine Tochter, nachdem sie den Film „Psycho“ gesehen hat, nicht mehr unter die Dusche geht. Die Antwort des berühmten Regisseurs lautete „Schicken Sie sie in die Reinigung“.

Mai 2017

Wenn die Neugier nicht wär

Casanova behauptete, dass die Liebe zu drei Vierteln aus Neugier besteht. Nicht nur die Liebe, ich auch. Und es wird bei mir nicht weniger, denn meine Neugier wird immer wieder neu entfacht.
Kurz vor dem 1. Mai lag eine Karte in meinem Briefkasten. Darauf war das Datum 1. Mai und „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ zu lesen und zu sehen waren rauchende Fabrikschornsteine. Die Zeile aus einem alten deutschen Arbeiterlied kombiniert mit qualmenden Schloten hat mich wahnsinnig neugierig gemacht auf die Vernissage der Plakate des Grafikdesigners Klaus Staeck in der Galerie Rambow.
Als ich am 1. Mai am Domplatz 16 in Güstrow ankam, hatte das Teterower Schalmeien-Orchester gerade losgelegt. Nicht plakativ mit dem Lied „Brüder zur Sonne zur Freiheit“, sondern mit einem modernen Song, der in die Beine ging. Flotten Schrittes strömte ich mit den anderen Besuchern in das Backsteinhaus.
Wir standen in der geräumigen Galerie dichtgedrängt wie Ölsardinen, und wir standen lange, denn zur Vernissage sprach der Künstler und Kunsthistoriker Bazon Brock. Ein Philosoph, ein Querdenker und Schöpfer neuer Worte. So einem Mann mit einem unerschöpflichen Bildungsschatz zu folgen ist nicht einfach. Bazon Brock kam immer mehr in Fahrt und mein knurrender Magen auch. Das lag daran, dass ich seit dem Mittag nichts mehr gegessen hatte und ein Mann vor mir ständig sein Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte. So erhaschte ich immer wieder einen Blick auf das noch unberührte Büfett. Beim Anblick knackiger Baguettes und eines weißleuchtenden Camemberts von der Größe eines Kinderwagenrades wurde der schräge Sound aus meiner Bauchhöhle immer lauter. Konzentriert blickte ich auf die ausgestellten Plakate. Unter die bekannte Bleistiftzeichnung von Dürers Mutter hat Klaus Staeck die Frage gesetzt hat „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“
Wegen dieser außergewöhnlichen Kombination von Bild und Wort, mit denen Klaus Staeck gesellschaftliche Missstände stets auf den Punkt bringt, nannte Bazon Brock den Grafikdesigner einen Meister.
Als der Geehrte nach den vorangegangenen Reden selbst auch noch längere Zeit zu den Besuchern sprach, klingelte plötzlich sein Handy. Er holte es aus der Jackentasche und blickte liebevoll zu einer Frau im Publikum, die auch ein Handy in der Hand hielt. „Oh“, sagte er, „mir wird gerade signalisiert, dass nun genug geredet wurde.“
Neugierig sprach ich nach dem Schlussapplaus die Frau mit dem Handy an. Nun weiß ich, dass Klaus Staeck eine humorvolle Freundin hat, und ich weiß auch, dass Neugier sogar Hungerattacken eindämpfen kann. Denn erst nach dem Gespräch mit ihr habe ich mir ein Stück vom Camembert geholt.

April 2017

Reden ist goldrichtig

„Wenn ich den Martin zu Bett gebracht habe, musste ich sein Mundwerk extra ins Bett bringen. Sonst hätte er immer weiter gequatscht.“ Das soll die Mutter des Kanzlerkandidaten der SPD gesagt haben.
Ich finde, dass Frau Schulz Glück gehabt hat mit so einem Kind. Ich hatte das auch mit meinem Kind. Als es noch klein war, hat es einmal auf dem Rücksitz des Autos 43 km ohne Punkt und Komma geredet. Dann kippte es um und schlief.
Mich begeistern noch immer Kinder, die kilometerlang reden können. Die Möglichkeit dazu gebe ich ihnen nach meinen Lesungen in Schulen stets, indem ich sie nach ihren Wünschen und Hoffnungen befrage. So erfuhr ich von einem kleinen Jungen, dass er sich zum Mittag außer Nachtisch nichts sehnlicher als noch einen Vortisch wünscht. Oft stellen die Kinder aber auch mir Fragen. Etwas mulmig war mir schon, als ein Mädchen mich einmal fragte: „Soll ich dir mal verraten, was meine Eltern nachts heimlich machen?“ Die Antwort lautete: „Die essen Chips.“
Kindern ist die Zunge noch nicht eingeschlafen. Wenn ich Paare in Gaststätten beobachte, scheint sie mir bei einigen von ihnen eingerostet zu sein. Sie reden keine Minute miteinander. Laut Statistik soll man nach sechsjähriger Partnerschaft im Durchschnitt täglich 10 Minuten miteinander sprechen. Und nach einem Streit sollen manche Paare tagelang gar nicht mehr miteinander reden. Was das auslöst, wusste schon William Shakespeare. „Der Kummer, der nicht spricht, nagt leise an dem Herzen, bis es bricht.“
Also sollten wir eine Lanze fürs Reden brechen und das auch bei Tisch. Mit vollem Mund zu reden finde ich nicht so schlimm wie mit leerem Kopf. Ich habe schon so manchen Saal verlassen, wenn ich nach einer Stunde immer noch nicht wusste, was man mir sagen will und kein Ende abzusehen war. Die Reden bei einem Bankett von Vegetariern sollen nach Aussage von Mario Adorf nie lange dauern, weil man Angst hat, dass das Essen verwelkt.
Immer weniger wird auch die Anzahl der Telefonate in unserem Land. Laut Bundesnetzagentur geht das Telefonieren in Deutschland seit 2010 zurück. Auch ich trage dazu bei. Bevor ich einmal zum Hörer greife, versende ich lieber mehrmals eine WhatsApp.
Manchmal schreibe ich dann einen Satz, der Ehemänner oft in den Wahnsinn treibt, aber auf den meine Freunde erfreut reagieren. Der Satz lautet: „Wir müssen mal wieder miteinander reden.“

März 2017

Das haut mich um

Es passieren Dinge, die mich jedes Jahr aufs Neue nicht nur verwundern, sondern regelrecht umhauen. Nein, ich übertreibe nicht. Es ist wirklich so.
Es haut mich immer wieder um, wie der Flieder den Frühling parfümiert. Da wünsche ich mir ein Lügner zu sein mit einer Nase wie Burattino, um sie in alle Fliederbüsche zu stecken. So wie dieser Geruch haut mich auch nach monatelanger Abstinenz der Geschmack des in brauner Butter gebadeten ersten einheimischen Spargels um.
Und jedes Mal denke ich bei meinem Besuch im Rostocker Block House – noch nie war Ms. Rumpsteak so zart und der Salat so knackig wie heute. Es scheint anderen ähnlich zu gehen. Wie sollte man es sich sonst erklären, dass es im Steakhaus am Samstagabend stets auch ein Relikt aus DDR-Zeiten gibt – die Warteschlange.
Ob man es mir glaubt oder nicht, mich haut auch jedes Jahr die Pünktlichkeit der sprießenden Sprossen an den Bäumen und Sträuchern um. Selbst, wenn der Winter noch so lang und hart war, gibt es keine Verzögerung. Auf das Grün ist im Gegensatz zur deutschen Bahn stets Verlass. Und das wird immer so sein.
Ich weiß nicht, wie viele Jahre ich schon jeden Monat eins von Erich Kästners Monatsgedichten lese. In seinem Märzgedicht schreibt er:
„Schneeglöckchen ahnen nun,
was sie bedeuten.
Wenn du die Augen schließt,
hörst du sie läuten.“
Dank Kästner kann ich den Frühling nicht nur riechen, sondern auch hören. Und auch das haut mich jedes Jahr aufs Neue um.
Aber was ist mit der Deutschen Tanzkompanie aus Neustrelitz? Ich habe dieses Tourneetheater mehrmals erlebt. Und jedes Mal stellte sich wieder ein überwältigendes Gefühl ein. Welch eine Akkuratesse von den Finger- bis in die Zehenspitzen, welch eine faszinierende Choreographie und welch eine gelungene Mischung aus klassischem und modernem Tanz. Wie hart haben die schönen jungen Menschen schuften müssen bis sie diese Leichtigkeit erreichen konnten?
Ihr Tanz haut mich immer wieder neu um, aber macht mir auch das Herz schwer. Denn im Gegensatz zum Frühjahrsgrün ist die Existenz der Tanzkompanie gefährdet.

Februar 2017

Geniale Konzentrationsübungen

Högschde Konzentration erwartet Bundestrainer Jogi Löw stets von seinen Jungs auf dem Spielfeld. Genau diese Form der Konzentration will ich mir jetzt bei Autofahrten wieder antrainieren. Es gibt ja etliche Baustellen. Nicht auf allen sind Blitzlichtgeräte installiert. Aber immer auf denen, die ich passiere. Damit mich nicht wieder dieser grelle rote Lichtschein zu Tode erschreckt, muss ich mich besser konzentrieren. Das heißt volle Konzentration auf das Tacho und Sprechverbot für das Radio. Ich denke, das bekomme ich hin.
Schließlich habe ich es sogar geschafft meine Gedanken abzustellen. Und zwar die Gedanken, die mich stets im Wartezimmer meiner Zahnärztin fast lahm gelegt haben. Inzwischen kann ich mich an diesem Ort tatsächlich auf völlig anderes konzentrieren. Dazu muss ich allerdings den Augenkontakt zu den anderen Angsthasen vermeiden, stur in eine von den abgegriffenen Apothekerzeitschriften blicken und dann die Anfangsbuchstaben von Wörtern vertauschen. Es lenkt ungemein ab, wenn aus Grippewelle Wrippegelle, aus kurze Frage furze Krage wird und man aus wichtige Rolle eine richtige Wolle machen kann. Richtig lustig wird es, wenn man bei den Worten Kuchen backen die Buchstaben tauscht.
Falls mal alle Zeitschriften in fremden Händen sind, kann man auch das Alphabet von hinten aufsagen oder „Stadt, Land, Fluss“ im Kopf spielen. Beruf vermeide ich, denn an diesem Ort fiele mir bei Z nur ein Beruf ein. Und das muss nicht sein. Aber Rückwärtslesen geht auch gut. Remmizsgnuldnaheb klingt doch viel besser als Behandlungszimmer.

Januar 2017

Kann IKEA was dafür?

Ich bestelle mir in Gaststätten oft Ragout fin oder Carpaccio. Davon wird man zwar nie satt, aber ich spreche die Namen so gerne aus. Und genau aus diesem Grund schaue ich gerne bei IKEA ein. Dort gibt es nämlich Äppelkaka und Köttbullar. Klingt doch gut, nicht wahr? Vielleicht sollte ich meine zu Haus gemachten Klopse auch Köttbullar nennen. Mein Hunger auf wohlklingende, ungewöhnliche Namen wird bei IKEA nicht nur beim Essen gestillt. Lustifik heißt eine Hutablage. In der Stoffabteilung finde ich sogar meinen seltenen Vornamen. Ditte als Meterware und leuchtend blau.
Wie gut, dass sich der IKEA Gründer keine Zahlen merken konnte. Jeder Artikel trägt deshalb einen skandinavischen Namen. Ich wäre gerne Namensfinder für neue Produkte. Aber dieser tolle Job ist leider schon an zwei Frauen in Schweden vergeben. Sie stöbern in Wörterbüchern und Geburtsanzeigen und suchen beim Autofahren nach Namen von Flüssen. Mit denen ist das Land ja reich gesegnet.
1943 hat Ingvar Kamprad sein Unternehmen gegründet. Er war damals 17 Jahre. Es gibt viele Anekdoten über die Sparsamkeit des reichen Mannes. Zu sehen ist sie auch an den kurzen Bleistiften bei IKEA. Ich klaue immer nur drei und nicht wie Elke Heidenreich gleich fünf Stifte. Aber sie hat schon Recht. Mit Ihnen schreibt es sich hervorragend. Auch Frakta, die Tragetasche, nehme ich gerne mit. Sie funktioniert als Kofferersatz, Kaminholzträger, Pfandflaschensammler und als Rodelschlitten.
Und wie gut geht es Frauen bei IKEA. Außer Kinderbetreuung wurde auch schon einmal kurzfristig in einigen Filialen Männerbetreuung angeboten. Doch kann IKEA was dafür, wenn Männer beim Einkauf griesgrämig hinter ihren Frauen hertrotteln? Nein, überhaupt nicht. Ich kann diese Männer gut verstehen. Ihre Liebste hat gesagt: „Lasse uns noch mal kurz zu IKEA gehen“ und aus mal kurz werden dann gefühlte sieben Stunden. Also liebe Frauen schleppt die Einkaufsmuffel nicht mehr mit und versprecht nicht, dass ihr bei IKEA nur gucken und nichts kaufen wollt. Das klappt nie. Wir verhalten uns dort nämlich immer wie die Goldmarie vorm Backofen. Wir holen mächtig viel raus.
Und, kann IKEA was dafür? Natürlich!

Dezember 2016

Das alte Jahr bekommt
noch einmal Farbe in’s Gesicht.
Aus tausend müden Fensteraugen
perlt ein ungewohntes Licht.
Das alte Jahr gleicht
einer langen Sommernacht,
in der Johanniswürmchen glühen.
Es ist als ob die Sterne
statt am Himmel auf der Erde blühen.
Sie lauschen unserm Abschiedslied
dem Dank und auch der Klage.
Ihr Leuchten macht uns hungrig
auf all die neuen Tage.
(aus meinem Buch „Vorfreude ohne Freude
und andere humorvolle Weihnachtsgeschichten“)

November 2016

Aber mich fragt ja keiner

Ich kann ihn nicht abschaffen. Ich muss ihn nehmen, wie er ist. Wenn es nach mir ginge, gäbe es im Jahr zweimal Mai und keinmal November. Aber mich fragt ja keiner.
Wäre es nicht schön, wenn gleich nach einem goldenen Herbst der Dezember seine Lichterketten anschaltete? Doch dazwischen hängt immer noch der düstere November rum. Der Dichter Heinrich Seidel hat den November tatsächlich gelobt. Er stellte fest, dass dieser Monat so verdrießlich wie kein anderer ist, in Wolken maulen und mit Sturmwind graulen kann. „Und wie nass er alles macht! Ja, es ist’ ne wahre Pracht“, schreibt Seidel.
Da stimme ich doch eher Erich Kästner zu. Bei ihm trägt der November Trauerflor. Für dieses Gedicht und seine zwölf anderen in seinem Gedichtzyklus „Die 13 Monate“ würde ich Kästner den Nobelpreis verleihen. Aber mich fragt ja keiner.
Und wenn mich jemand fragen würde, wie man seine Stimmung aufhellen kann, in einem Monat in dem das Tageslicht so früh ausgeknipst wird, hätte ich einige Ratschläge:
Sich warmen mit Hühnerbrühe und Glühwein und weniger Nachrichten konsumieren. Die machen die Trübsal nur noch größer.
Rudi Carrell hat einmal gesagt: „Nachrichtensprecher fangen stets mit ,Guten Abend‘ an und brauchen dann 15 Minuten, um uns zu erklären, dass es kein guter Abend ist.“
Wenn ich Texte für Nachrichtensprecher verfassen dürfte, dann würde ich dafür sorgen, dass die Leute zum Abschluss auch etwas zum Schmunzeln hätten. Es gibt doch auch Kurioses zu berichten. Zum Beispiel von einem entflogenen Papagei, der in einer 30ger Zone mit überhöhter Geschwindigkeit geblitzt wurde, oder von einem betrunkenen Autofahrer, der mit dem Alkoholtestgerät telefonieren wollte. Und in den Nachrichtentext würde ich immer ein paar kleine Versprecher einbauen. Wie zum Beispiel das gemeinsamste Kleinsame oder wir können unberuhigt sein oder bierisch ernst. Damit würden die Nachrichtensprecher nicht nur uns zum Lachen bringen, sondern auch sich selbst. Vielleicht könnten sie dann noch beim Verlesen der Lottozahlen kichern, so wie einst Dagmar Berghoff, als sie vom WC Tournier berichtete.
Aber mich fragt ja keiner.

Oktober 2016

Regen spüren, auch wenn kein Tropfen fällt

Als ich am 24.September im Güstrower Theater in der zweiten Reihe saß, muss ich ziemlich blöd ausgesehen haben. Mendelson hat nämlich festgestellt, dass man in den Momenten stärkster geistiger Anspannung nicht geistreich aussieht, sondern schafsdumm.

Ich war an diesem Abend voller Anspannung, weil  ich den Auftritt der Band „Club der toten Dichter“ kaum erwarten konnte. Der Chef,  Reinhardt Repke, hat nach Heine, Busch, Rilke und Schiller nun auch  Bukowski vertont.

Ich war neugierig auf die Auswahl der Texte. Bukowski war ein Vielschreiber und bekennender Trinker. „Natürlich können Drogen die künstlerische Arbeit befeuern“, meint Udo Lindenberg. Aber er glaubt auch, dass Bukowski, wie auch Goethe, Freud und etliche andere eine Regel befolgten. Sie lautet: im Rausch geschrieben, nüchtern gegenlesen.

Nicht nur ich war von Bukowskis sensiblen, direkten und melancholischen Texten und ihrer Vertonung tief beeindruckt. Im Theater spürt man sehr gut, ob das Feuer der Begeisterung nur vereinzelt oder im ganzen Saal lodert. Der Saal war voll mit Menschen aller Altersgruppen. Da waren außer den Fans vom „Club der toten Dichter“ auch die ständig ins Theater gehenden Güstrower, dann Besucher, die auf Ungewohntes erpicht sind, einige Bukowski-Kenner und etliche, die noch nie etwas von ihm gelesen hatten. Allen wurde ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

Dem „Club der toten Dichter“ gelingt es immer wieder, den Worten von Dichtern einen Klang zu verleihen, der die Herzen bewegt. Und das tun sie mit einer unbändigen Freude. Reinhardt Repke, der die Band vor 10 Jahren gründete, vertont genial. Alles, was er zu seinen Gitarren und zum Banjo singt, klingt wie ein Liebeslied. Könnte er auch das Telefonbuch vertonen? Ja gewiss. Doch der Mann braucht Texte, die Gewicht haben. Und er hat ein gutes Gespür bei der Auswahl seiner Gastsänger. Diesmal sollte es ein Schauspieler sein. Und die Wahl fiel auf Peter Lohmeyer. Tim Lorenz am Schlagzeug trommelt gekonnt mit scheinbarer Lässigkeit und sichtbarem Vergnügen. Markus Runzheimer am Bass kann sich wie ein Halm im Wind biegen. Das ist kein Showeffekt. Wenn einer so tief drin steckt in der Musik, dann kommt er auch so tief runter. Andreas Sperling an den Keyboards. Ein Mann, der nicht zu altern scheint und mit Inbrunst, Seligkeit  und Freude spielt. Und dann der Lohmeyer. Der kann Worte schmettern und ihnen die Kraft einer Arie verleihen. Wenn der von Bukowskis Regen singt, von der himmlischen Brühe, dann spürt man sie, auch wenn kein einziger Tropfen fällt.

Mich hat das vom Hocker gehauen. Aber das ging mir nicht alleine so. Die Konzertbesucher im Güstrower Theater erhoben sich nach etlichen Zugaben frenetisch klatschend von ihren Plätzen.

Spät abends habe ich nicht mehr blöd, sondern sehr zufrieden ausgesehen, ein Bierchen getrunken, meinen Blick nach oben gerichtet und Bukowski zugeflüstert: „Hast Recht gehabt. Das  Gedicht, der einsame Favorit auf der Zielgerade, hat das Rennen gemacht.“


September 2016

Stimmungsaufheller

Gebauchpinselt ist ein schönes Wort. So fühlte ich mich als die Malerin Sabine Naumann und der Bildhauer Günter Kaden mich baten, Ende Oktober die Laudatio für ihre Ausstellung in Havelberg zu halten.

Ich habe sofort zugesagt und die beiden in ihrem Haus in  Wendischhagen besucht. Ein kleiner Ort, der allen Ornithologen als Paradies in der mecklenburgischen Schweiz bekannt ist . Die Fahrt von Güstrow, über Teterow in Richtung Malchin bestätigte mir wieder einmal, dass die Liedzeile „Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsere weit und breit“ hier ihre Berechtigung findet.

Beim Anblick der vielen Kunstwerke im Atelier der beiden Künstler blieb mir vor Begeisterung fast die Luft weg.

Mich erstaunt immer wieder ihre Vielseitigkeit. Von Sabine Naumann gibt es Landschaftsbilder, Porträts, Illustrationen, Plakate und Aktbilder, von Günter Kaden Kleinplastik, Brunnen, Medaillen und riesige Skulpturen. Was Goethe in seinem Gedicht vom Blatt des Gingkobaumes geschrieben hat, erfüllte sich für mich beim Anblick der Kunstwerke von Naumann und Kaden. Es „gibt geheimen Sinn zu kosten.“

Ich war lange in ihrem Atelier, in einem uralten niederdeutschen Hallenhaus. Die Arbeiten von Sabine Naumann und von Günter Kaden, verliehen meiner Phantasie Flügel, machten mir Lust auf das Leben und gute Laune. Sie erfüllten mich auch mit Ehrfurcht. Ich habe ansehen und berühren dürfen, was in Ausstellungen in Deutschland und anderen Ländern  präsentiert wurde.

Nach meinen vielen Rundgängen habe ich sogar mit einem Gelöbnis gebrochen. Als Studentin hatte ich mir geschworen, nie wieder rote Beete anzurühren. In der Mensa schmeckten sie wie ein mit Essig getränkter klein gehackter Schwamm. Sabine Naumann hat um ihre roten Beete so viel Interessantes und Exotisches herum getan, dass ich die Schale mit Salat und den Nachschlag genüsslich verspeist habe.

Vor meinem Abschied habe ich noch einmal einen Rundgang durch das Atelier gemacht und eine der kleinen Rubensfrauen von Kaden gestreichelt. Sie hat mich zu einem Gedicht inspiriert.

 

Kleine Frau auf dem Geländer

 

Sie ist so groß wie eine Männerhand,

fährt außer Rand und Band

auf dem Handlauf Achterbahn.

Ach, man möchte mit ihr fahr’n.

Apfelbrüste hat die Kleine,

und so flinke, stramme Beine.

Ihr zum Kuss geformter Mund

macht das Leben rubensrund.

 


August 2016

Bekannt oder berühmt

Eine der ersten Fragen ist immer: „Und, was verdienen Sie?“ Ich darf dann nicht kneifen. Schließlich habe ich den Kindern versprochen, dass sie nach meiner Lesung noch Fragen stellen können und ich jede beantworte. Die Frage nach meinem Verdienst kommt längst nicht mehr nur von den alten Hasen aus der 4.Klasse, sondern nun auch von kleinen Mäusen aus der 1. Klasse. Wenn sie die Antwort gehört haben, wollen die meisten lieber doch nicht Schriftsteller werden.
Zum Glück gibt es auch noch andere Fragen. Die Kinder wollen wissen, ob ich tatsächlich alle Geschichten ganz alleine geschrieben habe, ob ich berühmt bin, warum ich auch für Erwachsene Bücher schreibe und wie viele Kinder ich habe. Ein Kollege von mir wurde auch einmal nach der Anzahl seiner Kinder gefragt. Als er mitteilte, dass er kein Kind hat, ging ein Raunen durch die Reihen und eine Schülerin fragte entsetzt: „Nicht einmal ein Enkelkind?“
Eine beliebte Frage ist auch, welches meiner Bücher mein liebstes ist. Und da antworte ich dann immer mit einer Gegenfrage. „Welches Kind hat eine Mutter mit vielen Kindern am liebsten?“ Zu glauben, dass die Antwort: „Alle“ lautet, ist ein Irrtum. Oft wird auch „Das artigste“ gesagt.
Und manchmal gibt es Fragen, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet habe. Zum Beispiel:
„Wieviel wiegst du?“ und
„Hast du auch die Bücher über Harry Potter geschrieben?“
„Nein, das habe ich nicht.“
„Und warum nicht?“
Ein Junge aus der 1.Klasse wollte einmal von mir wissen, wann sie ausgedreht hat.
„Wer?“, fragte ich nach.
„Na die Erde. Sie dreht sich und dreht sich. Sie muss doch irgendwann mal ausgedreht haben.“
Solche schwierigen Fragen sind selten. Aber ich gebe dann immer zu, dass ich manches auch nicht weiß.
Manchmal fragen Kinder nach Lesungen, ob sie mich einmal anfassen dürfen. Sowie ich genickt habe, schlingen die Kleinen beide Arme um meinen Bauch.
Und sowie ein Kind ein Autogramm haben möchte, wollen andere auch eins für sich und die Geschwister.
Manche halten mir ein Blatt vom Zeichenblock hin. Andere reißen eine winzige Ecke vom Löschpapier ab. Einige stehen ohne Papier vor mir. Unterschriften auf Federtaschen, Wangen und Oberarme habe ich bisher immer verweigert. Bei Gipsbeinen verhalte ich mich wie Papst Franziskus. Da setze ich gerne meinen Namen drauf.
Ich bin froh, dass ich nur bei Lesungen für Jung und Alt und nicht auf Schritt und Tritt um Autogramme gebeten werden. Ein Leben als Prominente stelle ich mir schrecklich vor. „Prominent ist man“, hat die Sängerin Anna Moffo gesagt, wenn man erst aus den Klatschspalten erfährt, was man in nächster Zeit vorhat.“

Juli 2016

Brücken für den Kopf

Tatsächlichen Blödsinn, vermeintlichen Blödsinn und eine Menge Gutes habe ich in der Schule gelernt. Und zu den guten Dingen gehörten die Eselsbrücken.
So weiß ich heute noch, in welche Richtung Iller, Lech, Isar, Inn zur Donau fließen. Höre ich die Ziffern 753, fällt mir wieder ein, da schlüpfte Rom aus dem Ei. Man brachte mir zum Glück schon früh bei – wer nämlich mit h schreibt ist dämlich. Konvex und Konkav konnte ich gut auseinander halten, weil ich hörte und auch sah – der Bauch von unserem Direx war konvex. Dass eine Schwangerschaft 268 Tage dauert, habe ich im Biologieunterricht erfahren und schnell wieder vergessen. Gemerkt habe ich mir die Zahl mit den Ziffern 268 erst, als mir meine Gynäkologin verriet: „Zwei machen Sex und geben nicht Acht.“
Eselsbrücken heißen nicht Eselsbrücken, weil sie von klugen Menschen für trottlige Leute erfunden wurden. Es ist noch immer so, stellt sich einer dämlich an, wird er als Esel beschimpft. Dabei sind Esel überhaupt nicht blöd, sondern super vorsichtig. Sie überqueren nicht das kleinste Bächlein, weil sie die Tiefe des Gewässers nicht einschätzen können und nicht ersaufen wollen. Baut man ihnen eine Brücke, dann traben sie wieder los, und schon ist das Problem gelöst.
Und Eselsbrücken machen auch unserem Kopf Beine. Der kann ganz schön stur sein, wenn Fakten in ihn hinein sollen. Ich habe das oft bemerkt und neuerdings sogar vor Einkäufen. Wenn ich Butter, Ingwer, Toilettenpapier, Tomaten und Eier kaufen will, bemühe ich mich krampfhaft, diese Dinge in meinem Kopf zu speichern. Wiederholungen können das unterstützen, damit die fünf Dinge in meinem Korb landen. Aber wer schafft das schon, ständig Butter, Ingwer, Toilettenpapier, Tomaten, Eier auf dem Weg in den Supermarkt vor sich hin zu murmeln. Man trifft plötzlich einen Bekannten, wenn man gerade zum x-ten Mal bei Ingwer angekommen ist, macht ein Schwätzchen und danach ist einem der Rest der Einkaufsliste entfleucht. Einkaufszettel zu schreiben habe ich auch aufgegeben, weil genau diese Zettel in der Wohnung auf Wanderschaft gehen und sich verdammt gut verstecken.
Nun baue ich mir immer ein Wort aus den Anfangsbuchstaben der Einkaufsliste. Statt Butter, Ingwer, Toilettenpapier, Tomaten, Eier muss ich mir nur BITTE merken. Wenn ich jedoch Nektarinen, Radieschen, Paprika und Ananas brauche wird es schon schwieriger. Wie soll ich mir NRPA merken? Also ein bisschen tüfteln, die Reihenfolge ändern und reimen.
Denk daran, du brauchst PRAN.
Mit diesen selbstgebastelten Eselsbrücken bekomme ich neuerdings immer alles, was ich haben wollte, in mein Körbchen.

Juni 2016

Alles Gute kommt nicht von oben

„Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle…“ Und wirklich alle bekommen eine Darmverstimmung, wenn sie mein Auto erblicken. Es gibt Autos wie Sand am Meer in meiner Kleinstadt. Warum haben sie es gerade auf mein Auto abgesehen?  Wo immer ich auch parke, immer spielt sich das Gleiche ab. Die Autos rechts und links neben mir sind nicht einmal besprenkelt. Mein Auto ist nicht voll-, sondern zugekackt. Ich bin stets und ständig mit gefüllten Wasserflaschen, Schwämmen, feuchten Reinigungstüchern und Küchenkrepprollen unterwegs. Und wehe ich bin nach so einer Attacke an einem sonnigen Tag nicht rechtzeitig am Auto. Dann verhält sich der eingebrannte Vogelmist auf dem Autodach wie Kaugummi in der Tasche meiner Wolljacke nach der Wäsche.

Ich denke, dass es Spione unter den Vögeln geben muss. Einer von denen hockt in der Tanne vor meinem Wohnhaus und meldet allen seinen Kumpels: „Achtung, die Clemens fährt los. Ihr könnt wieder loslegen.“ Wohin ich auch fahre, niemals bin ich außerhalb ihrer Schussweite. Sie orten mich überall und beschmeißen mein Auto sogar während der Fahrt mit ihrem Mist. Wenn mein Auto sprechen könnte, dann würde es sagen: „Alles Gute kommt nicht von oben.“ Mein Auto kann nicht sprechen, sondern nur piep machen, wenn ich mich nicht anschnalle. Und es kann leider nicht laut peng machen, wenn es von einer Vogeleskorte begleitet wird.

Ich werde es nicht umspritzen und ihm keine grüne Farbe verpassen lassen, nur weil grüne Autos angeblich weniger unter Beschuss genommen werden als rote Autos. Ich werde es auch nicht in Klarsichtfolie wickeln, wenn ich irgendwo parke. Welch ein Aufwand wäre das? Aber wie schaffe ich es, dass ich die ganze Sache nicht mehr so pessimistisch sehe?

Ein Pessimist beklagt den Riss in der Hose, der Optimist freut sich über den Luftzug.

Ja, ich habe es tatsächlich geschafft, dass mich die Vögel nicht mehr fertig machen. Ich kann wieder ohne bitteren Beigeschmack singen: „Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle …“ Auch ich kann wieder „…lustig sein, lustig wie die Vögelein, hier und dort, feldaus, feldein, singen, springen, scherzen.“ Wie mir das gelungen ist? Ganz einfach. Wenn ich vor meinem beschissenen Auto stehe, dann sage ich mir: „Wie schön, dass Kühe nicht fliegen können.“


Mai 2016

Socken und Schnuller

Einstein mochte keine Socken. Selbst wenn er Anzug trug, zog er sich oft keine an. “Wozu Socken?  Sie schaffen nur Löcher“, war seine Meinung.  Bei mir tun Socken das übrigens auch. Dennoch möchte ich sie behalten, was nicht leicht ist. Eine kluge Hausfrau, namens Lilo Keller, hat nämlich herausgefunden, dass die Waschmaschine das Bermuda-Dreieck der Socken ist. Warum auch Schnuller verschwinden, hat mir noch keiner erklären können.

Meine Tochter brachte mir kürzlich ihr Baby für sechs Tage und eine Handvoll Schnuller. Die Hälfte der Schnuller war zur Halbzeit wie vom Winde verweht. Mit großen Augen und mit einem, von den noch spärlich vorhandenen Schnullern im Mund, hat das Baby mir interessiert zugesehen,  wie ich auf allen Vieren durch die Wohnung gerobbt bin. Ich habe einen  Sektkorken unter der Couch, einen Ohrring unter dem Schrank und ein zerknülltes Papiertaschentuch in der Sesselritze gefunden, aber nicht einen einzigen Schnuller.

Das Baby kann noch nicht sprechen. Seine ersten Worte werden wohl nicht „Mama und Papa“ sein, sondern „Wo ist das verdammte Ding.“  Zu oft hat es diesen Satz gehört.

Als wir nach vier Tagen nur noch einen Schnuller hatten und ich befürchtete, dass auch dieser bald nicht mehr da sein wird, erinnerte ich mich an meine verschollenen Wimpernspiralen. Sie tauchten nach und nach wieder auf, sobald ich mir neue gekauft hatte. Bei meinen Wimpernspiralen klappte das bisher immer. Bei den Schnullern leider nicht.

Von den neu gekauften vier Schnullern waren drei im Nu wieder weg. Habe ich vielleicht ein hochbegabtes Enkelkind, das die Oma ein bisschen necken will? Ein Baby, das genau mitbekommt, wenn die Oma nur einmal kurz wegguckt und dann sofort den Schnulli verschwinden lässt. Ich habe das Kind ausgezogen, sein Bett und sogar die Windel durchsucht. Nirgendwo war ein Schnuller zu finden. Wo bleiben die verdammten Dinger? Lösen sie sich in Luft auf? Die Schnullerfee kann sie nicht mitgenommen haben. Die erscheint doch heutzutage erst, wenn das Kind schon lange laufen kann.

Nach einer Woche wurde das Baby mit dem einzig noch verbliebenen Schnuller wieder abgeholt. Als ich ins Bett gegangen war, ging irgendwann das Radio an. Laut verkündete eine Stimme: „Heute Socken im Hundertpack und Schnuller in Fünf- Kilo- Säcken im Angebot.“ Als ich den Namen des Supermarktes vernommen hatte, rannte ich los. Völlig außer Atem kam ich dort an. Überall lagen Berge von Geldscheinen, die von Mitarbeitern des Supermarktes gezählt wurden. „Wo, wo, wo sind die Schnullersäcke“,  rief ich. Eine Verkäuferin blickte kurz auf und sagte: „Alle weg.“ Ich wollte gerade einen Schreikrampf bekommen, doch da klingelte zum Glück der Wecker.


April 2016

Ein Mittel gegen Schlaflosigkeit

In Napoleons Augen wäre ich ein Vollidiot. Er war nämlich der Meinung, dass ein Mann vier Stunden schläft, eine Frau fünf Stunden und ein Idiot sechs Stunden.

Ich brauche mehr Stunden als der Letztere, aber auch nicht so viele, wie manche glauben. Wenn ich Anrufe bekomme, weil man mich für eine Lesung buchen will, bin ich immer etwas pikiert, wenn kurz vor Mittag gefragt wird, ob man mich aus dem Bett geklingelt hat. Um 11.00 Uhr bin ich längst wach, aber nicht immer ausgeschlafen, weil auch ich manchmal ein Problem mit dem Einschlafen habe.

Ich zähle nachts keine Schafe mehr. Das hat mich zwar schon sehr weit gebracht, aber nie zum Einschlafen. Mir hat einmal jemand schmunzelnd gesagt: „Ich zähle immer bis drei, dann schlafe ich sofort ein, aber manchmal auch bis halb vier.“

So lange habe ich nie Schafe gezählt, aber bis dahin auch schon wach gelegen. Als Studentin war ich zu dieser Zeit oft noch gar nicht im Bett, aber auch nicht müde, weil ich in der Mathematikvorlesung vorgeschlafen hatte. Wenn der Professor erschien, sein hauchdünnes Stimmchen summte und die Kreide über die Tafel surrte, erging es allen auf den obersten Rängen des Hörsaals wie Dornröschen nach dem Stich an der Spindel. Wir schliefen zwar nicht 100 Jahre, aber eineinhalb Stunden tief und fest. Der Professor fehlt mir in meinen schlaflosen Nächten. Vor allen Dingen dann, wenn der Schlaf nur kurz einschaut. Ich bin mir sicher, dass man ihn austricksen kann, damit er bleibt. Mein Großvater litt nie unter Schlafstörungen auf dem Sofa, so lange der Fernseher nicht von seiner Frau ausgeschaltet wurde. Ich bekomme vor dem  Fernseher kein Auge zu. Die wenigen guten Sendungen halten mich erstaunlich lange wach und die vielen schlechten Sendungen regen mich so auf, dass mir nicht einmal die Füße einschlafen. Von Baldriantropfen lasse ich meine Finger. Meine Großmutter benutzte sie nicht nur als Einschlafhilfe, sondern auch als ein Mittel, um sich völlig weg zu beamen. Sie lag wie ein Tote neben ihrem schnarchenden Mann im Ehebett. Ganz anders war die Wirkung von Baldriantropfen auf ihre alte, träge Katze. Der wurde damit ein längst verschollenes Temperament eingehaucht. Sie sprang wie ein durchgedrehter Ziegenbock über Tisch und Stühle, sobald sie an der Flasche geschnuppert hatte. Wer weiß, was dieses Hexenkraut mit mir machen würde? Vielleicht haut mein Schlaf dann für immer ab. Abgezählte Schafe und warme Socken kann er ja auch nicht leiden.

Aber letzte Nacht habe ich den Untreuen zum Bleiben überlisten können,  indem ich erst etwas für Bauch, Beine und Po getan habe und danach etwas, was mir als Kind verboten wurde.

Nachdem nämlich drei Schokoriegel in meinem Mund geschmolzen waren und ich nicht aufgestanden bin, um mir die Zähne zu putzen, hielt mich der Schlaf ganz fest in seinen Armen und ließ mich nicht mehr los.


März 2016

Rabatte schalten den Verstand aus

Der, die und das sollen die am häufigsten benutzten Wörter in der deutschen Sprache sein. Das Wort Rabatt zählt für mich auch dazu.

Manche Händler sparen sich allerdings dieses Wort und hängen nur noch ein Schild mit einem riesigen Prozentzeichen in ihren Laden. Rabattschilder, in welcher Form auch immer, wirken auf das Gehirn wie Alkohol. Ist der Wein im Manne, ist der Verstand in der Kanne.

Bei Quarks & Co, einem Wissenschafts-und Fernsehmagazin, hat man unser Kaufverhalten getestet. Es wurden Putzutensilien pro Stück für 59 Cent angeboten und  3 Stück als Sonderangebot für 1,99 Euro. Beim Sonderangebot wurde zugegriffen und nicht nachgerechnet. In diese Falle wäre ich wohl auch getappt. Aber niemals wäre ich bei der Aktion „Friss den Laden leer“ dabei gewesen. Eine Berliner Filiale hat vor einiger Zeit ihren Kunden angeboten, so viele Kleidungsstücke mit nach Hause zu nehmen, wie jeder auf einmal im Munde tragen kann. Noch verrückter ging es 2012 in einem nordfriesischen Supermarkt zu. Dort wurden den ersten hundert Kunden ein gratis Einkauf offeriert, wenn sie im Adamskostüm erscheinen.  Gekommen sind  fast 250 Nackte, darunter viele Dänen. Otto Waalkes singt ja immer statt „Tränen lügen nicht“, „Dänen lügen nicht“. Nach dieser Rabattaktion wissen wir, Dänen schämen sich auch nicht. Aber sie waren ja nicht die einzigen,  die gekommen waren.

Völlig fehl am Platz wäre ich bei einer Aktion des Mediamarktes gewesen. Dort konnten die Kunden einmal auf eine Torwand schießen, wie man sie aus dem ZDF Studio kennt. Wer traf, bekam das Einkaufsgeld zurück. Ich hätte nur eine  Chance gehabt, wenn die Löcher in der Torwand so groß wie Scheunentore gewesen wären. Der Media Markt wird geahnt haben, dass es nur wenige Menschen gibt, die so einnetzen können wie Miroslav Klose. Eine Werbeidee muss sich schließlich finanziell lohnen und Werbung muss sein.

„Wer aufhört zu werben, um so Geld zu sparen, kann ebenso seine Uhr anhalten, um Zeit zu sparen“, heißt es bei Henry Ford.

Die Werbekampagne „Zahl was du willst“, ist jedoch kein Witz, sondern eine Aktion, die in vielen Städten praktiziert wird. Vielleicht kommt die Idee mit der üblichen Verspätung irgendwann in Mecklenburg an. Das wäre toll. Wartet nicht  jeder von uns auf den Moment, wo er für ein warmes Bier oder kalten Kaffee außer dem Trinkgeld noch die Bezahlung streichen kann?


 

Februar 2016

Der Tornado und verzeihliche Fehler

Was tischen uns manchmal Journalisten auf. Im letzten Jahr hieß es, dass die Kanzlerin bei den Bayreuther Festspielen zusammengebrochen ist. Wenig später stellte sich heraus, es war nicht Frau Merkel, sondern der Stuhl auf dem sie gesessen hatte.

Welch eine Übertreibung, dachte ich, als ich am 5. Mai 2015 von einem Tornado in Bützow hörte. Es erschien mir logisch, dass Journalisten, die jede noch so kleine Feier als Event bezeichnen, irgendwann auch einmal auf die Idee kommen, einen kräftigen Sturm Tornado zu nennen.

Doch als ich die Bilder im Fernsehen sah, war ich sprachlos. In Bützow, nur zwanzig Kilometer von meinen Wohnort entfernt, hatte tatsächlich ein Tornado gewütet. Die kleine Stadt mitten in Mecklenburg wirkte völlig zerstört. 30 Menschen wurden verletzt und, wie sich später herausstellte entstanden Schäden im zweistelligen Millionenbereich. Ein Freund aus Bützow, den ich einen Tag nach der Katastrophe anrief, erzählte mir, dass sich seine Katzen kurz vor dem Tornado völlig unnormal verhalten hätten und dann plötzlich eine Stille herrschte, wie er sie noch nie erlebt hat. Auch sein Haus wurde beschädigt. 16 andere Häuser aus Bützow wurden völlig vernichtet. Am Tag nach dem Tornado kamen viele Schaulustige. Aber es kamen auch etliche Menschen von sonst woher, die nicht nur das Handy dabei hatten, sondern auch Spaten und Besen im Kofferraum.

Als wahre Berichterstattung erwies sich leider auch, dass sich in Bützow Männer als Dachdecker ausgewiesen hatten, Vorschuss kassierten und auf Nimmerwiedersehen verschwanden.

Ein halbes Jahr nach der Katastrophe machte ich in einem Café halt. „Wie schön schon alles hier wieder geworden ist“, sagte ich einer älteren Dame an meinem Tisch. „Ja, antwortete sie, „Bützow ist bald wieder die totalste schönste Stadt im Norden.“

Natürlich habe ich die Frau nicht belehrt, dass man „total“ ebenso wenig wie das Wort „schwanger“ steigern kann. Wenn

Stolz und Glück sich paaren, sollte man alle Fünfe gerade sein lassen. Das habe ich zu Hause gelernt. Mein Vater behauptete jedes Jahr, der Tannenbaum wäre noch grüner als der vom Vorjahr. Niemand widersprach ihm, und das sollte man auch nicht tun, wenn Mütter behaupten, sie hätten das schönste Baby der Welt.


Januar 2016

Der Mantel von Adele

Ein Mantel hat mir völlig den Kopf verdreht. Nun geht es mir wie einem kleinen Mädchen, das den Schönsten aller Jungs auf dem Schulhof entdeckt hat. Ich denke nur noch: haben, haben, haben.

Den Mantel habe ich bei YouTube entdeckt, in einem Video von der Sängerin Adele. Ihren Song „Hello“ kennt inzwischen fast jeder. Denn wer sein Radio anstellt, hört ihn, und wer den Sender wechselt, hört ihn auch. Ein Lied von gleicher Intensität wie Ravels Bolero. Mich hat nicht nur Adeles Stimmgewalt, sondern auch ihr Mantel umgehauen. Nein, nicht der karierte Mantel, der in den ersten Sekunden zu sehen ist. Ich habe etwas gegen Karos auf Mänteln und Briefpapier. Sie gehören für mich nur auf Hemden und Röcke, wenn die Träger Holzfäller oder Schotten sind. Buntkarierte Bettbezüge rauben mir den Schlaf und kleinkarierte Menschen die gute Laune.

Ich habe mich verguckt in den anderen Mantel von Adele, der erst später im Video gezeigt wird. Er sieht aus wie ein zu heiß gewaschener Wolfspelz oder wie das gehäutete Fell von einem zerliebten Plüschtier. Vom Wunsch nach ihm bin ich nun ganz beseelt.

Man sollte ja bei allem, was aus dem Munde eines US-Präsidenten kommt, stets vorsichtig sein, nachdem George W. Bush tatsächlich einmal verkündet hat, dass er an die friedliche Koexistenz von Menschen und Fischen glaubt. Aber dem US-Amerikaner Bob Hope glaube ich aufs Wort. Er ist kein unfreiwilliger Komiker, sondern ein echter und beschreibt trefflich, wie es mir ohne den Mantel geht:

„Einer Frau ihren Herzenswunsch ausreden zu wollen, gleicht dem Versuch den Niagarafall mit bloßen Händen zu stoppen.“

Ich habe mir die Hände wund gegoogelt nach diesem wuschelkuschligen Teil. Es heißt ja immer, dass man bei eBay alles findet. Dort wurden schon die verrücktesten Sachen angeboten. Zum Beispiel ein gebrauchter Kaugummi von Jürgen Klopp und ein Schneemann aus dem Jahre 1756 in einer Wasserkaraffe. Vielleicht wird bei Ebay irgendwann auch Ostseeluft in Flaschen gefüllt verkauft. Den Mantel, den ich so gerne hätte, habe ich bisher nirgendwo entdeckt.

„Worauf man am meisten drauf erpicht, gerade das bekommt man nicht“, heißt es bei Wilhelm Busch. Ich werde also meine Taktik ändern und mir wünschen, dass ich den Mantel nicht bekomme. Vielleicht ergeht es mir dann wie meinem Onkel. Der wünschte sich innig keinen Maulwurf in seinem Garten und er hat immer einen.

Mai 2016